16
Dez
2015

EB-Ton, das ewige Stiefkind – Gespräch mit einem Experten

In der gestandenen Filmproduktion hat Tonaufzeichnung nach wie vor einen Status. In den EB-Teams (Elektronische Berichterstattung) ist sie jedoch entprofessionalisiert und das ewige Schlusslicht. Die Folge: Regelmäßige Probleme mit dem Ton. Mehr Verständnis und Aufmerksamkeit von Redakteuren, Regisseuren und anderen Verantwortlichen könnte helfen. Für Kameratechnik interessiert sich jeder Verantwortliche mindestens ein bisschen. Das Ergebnis ist ja sichtbar. Für Tontechnik und -aufnahme ist das Interesse verschwindend gering.
Wir haben Michael Mücher, einem Trainer und Experten für Video, TV und Audio ein paar einfache, immer wiederkehrende Fragen gestellt. Das Gespräch führte Nils van Well, Projektleiter Volkswagen TV.

Herr Mücher, beginnen wir mit dem Ansteckmikro: Gibt es einen Anstecker, der für alle Zwecke geeignet ist?

Mücher: Ansteckmikrofone sind immer eine schlechte Wahl. Die Position ist so, dass die Stimme dumpf klingt. Diese muss später korrigiert werden. Entscheidet man sich, einen Anstecker links oder rechts zu montieren, ist es bei mehreren Gesprächsteilnehmern häufig so, dass die Sprechrichtung genau falsch ist. Eine mittige Montage ist oft nicht möglich. Außerdem lassen sich Ansteckmikrofone aufgrund ihrer Richtcharakteristik kaum gegen Wind und nur mäßig gegen Körperschall schützen. Dies müsste man alles vor der Aufnahme erhören, was den gewünschten Zeitvorteil eines Ansteckers deutlich reduziert. Es gibt durchaus Ansteckmikrofone mit einer Richtcharakteristik, die weniger auf Wind und Körperschall reagieren. Ihre Montage ist jedoch schwieriger und ein ständiges Abhören ist Pflicht.

Was sollte man beachten, wenn am Set wieder mal die Wahl zwischen Anstecker oder Tonangel zu treffen ist?

Mücher: Eine Angel ist grundsätzlich immer die bessere Wahl. Ein versierter Tontechniker kommt damit stets zu einem verständlicheren Ton, da dieser ständig abgehört wird. Mit dem richtigen Mikrofon hat er weder bei Wind noch bei Körperschall ein Problem. Bei auftretenden Störgeräuschen reicht eine Mikrofondrehung, um diese zu reduzieren. Eine Angel ist immer schneller als ein Anstecker und erfordert auch keinen Eingriff in die Intimsphäre des Interviewpartners.

Funkstrecken sind beliebt und bequem und haben mir bereits eine Menge Ärger beschert. Muss man besondere Vorsicht walten lassen?

Mücher: Es gibt durchaus sehr zuverlässige Funkstrecken. Vor Funkstörungen ist jedoch keine gefeit. Mit einer Diversity-Strecke – 2 Empfänger in einem – wird die Empfangssicherheit erhöht. Bei einer Übermittlung zur Kamera kann nur eine Rückstrecke 100-prozentige Sicherheit liefern. Damit kann der Tontechniker das Ergebnis hören, das auch aufgezeichnet wird. Sowohl eine gute Funkstrecke als auch eine Rückstrecke kosten jedoch deutlich mehr Geld – daher wird häufig darauf verzichtet.

Um keine Klirrgeräusche in Grenzbereichen zu ernten, pegeln viele Kameraassistenten den Ton sehr weit, oft zu weit, herunter. Haben Sie eine Empfehlung?

Mücher: Nicht immer ist klar, wie die Strecke vom Mischer zur Kamera grundsätzlich geregelt wird. Die Aussteuerungsanzeigen sind oft missverständlich. Hier hilft nur Sachkenntnis. Bei vielen professionellen Kamerarecordern arbeitet der Limiter auf einem hohen Niveau, was ein Untersteuern überflüssig macht. Bei preisgünstigeren Geräten ist dies jedoch oft nicht der Fall.

Grundsätzlich erfordert das korrekte Aussteuern viel Erfahrung. Ein guter Tontechniker arbeitet mit einer optimalen Kombination von Abhörlautstärke und Kopfhörer. So muss er nicht ständig auf das Aussteuerungsinstrument schauen, was auch nicht immer möglich ist.

Früher war die Hinterbandkontrolle auf einem Camcorder absolute Pflicht. So wurde sichergestellt, dass kein Kabelbruch die Tonaufzeichnung ruinierte. Heute macht dies niemand mehr. Wie sehen Sie das?

Mücher: Eine echte Hinterbandkontrolle, um zu prüfen, ob das Aufzeichnungssystem versagt hat, ist heute nicht mehr nötig. Bei einer kabelgebundenen Aufnahme festzustellen, ob das Tonsignal am Kamerarecorder auch wirklich ankommt, ist nach wie vor gängige Praxis. Dieses erfordert jedoch eine Rückleitung, die aus Kostengründen bei einfacheren Tonausrüstungen häufig fehlt.

Ist stereofonische Tonaufzeichnung und -bearbeitung tatsächlich so anspruchsvoll, dass EB-Teams zu Recht davon die Finger lassen?

Mücher: Eine stereofone Atmo (Umweltgeräusche) ist in fast jedem Fall für die Zuschauer ein Gewinn. Sprachverständlichkeit und Raumwirkung werden verbessert. In Zeiten von HD, in denen Bilder naturgetreu aufgenommen werden, passt ein monofoner Ton nicht mehr. Es braucht allerdings Stereomikrofone und entsprechende Tonmischer, die oft nicht zum Standardequipment gehören. Stereofone Funkstrecken sind immer noch die Ausnahme. Und natürlich müssen einige Grundregeln befolgt werden. So kann man mit einem Stereomikrofon nicht einfach wild in der Gegend herumschwenken. Ein größeres Problem ist jedoch die Tatsache, dass auch hier ein professionelles Abhören für ein gutes Ergebnis Voraussetzung ist. Auch der Schnittplatz muss entsprechend ausgerüstet sein und der Cutter dazu bereit sein, sich um eine stereofone Wirkung zu kümmern. Dies ist vielleicht nicht für jedes Genre möglich. Dafür bieten wir bei BET Seminare.

 

Michael Mücher ist Geschäftsführer von BET, Produktionsingenieur und Trainer von videotechnischen Seminaren. Seit 1978 ist er in den Bereichen Fernsehen und Videotechnik tätig. Michael Mücher arbeitete u.a. für den WDR, SWR, das ZDF sowie die BBC und begann vor über 30 Jahren für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und private Produktionsbetriebe Fortbildungsmaßnahmen durchzuführen.