18
Okt
2011

Von der Macht der Nachfrage und dem Verfall der guten Sitten

Werbe- und PR-Agenturen stimmen schon länger ein Klagelied an. Es handelt von zermürbenden Vorkommnissen im Zusammenhang mit Ausschreibungen und Agentur-Pitches. Und vom enormen Zeit-, Kosten- und Ideeneinsatz zu Lasten des Bewerbers.

Als Agentur für Filmproduktionen können wir leider nicht selten in den Kanon mit einstimmen. Die Liste der geforderten Standard-Angaben wird immer länger und steht in keinem Bezug zur angefragten Leistung. Um überhaupt zu einem Pitch zugelassen zu werden, müssen wir die Hosen bis über die Schamgrenze hinaus runterlassen – egal ob es die „schnelle, kleine mit geringem Etat und heißer Nadel gestrickte“ Videoproduktion sein soll, oder der Aufbau des unternehmenseigenen Web-TV-Senders.

Auch wenn eine Anfrage nur dem berüchtigten noch fehlenden „dritten Angebot“ dient – die Frage nach einer schriftlich abzugebenden Idee ist immer dabei, frei nach den Motto: „Fragen kostet nichts“! Dabei sein ist alles, das ist mir natürlich klar und wer kann sich schon erlauben, kein Angebot abzugeben?

Trotzdem möchte ich es einfach mal aussprechen: ein partnerschaftlicher Umgang zwischen Kunde und möglichem Provider könnte auch in dieser ersten Phase für beide Seiten besser und fairer gestaltet werden. Wir geben immer profundes Fachwissen ab, halten die gesetzten Deadlines ein und erwarten danach zumindest, dass wir in einem sinnvollen Zeitfenster informiert werden, wie und ob es weitergeht. Doch allzu oft: Stillschweigen auf der anderen Seite. So telefoniert oder mailt man nach einem Stand der Dinge lange hinterher. Während in den letzten Jahren die Auskunftstiefe über das eigene Unternehmen gestiegen ist, hat die Anzahl der per Gespräch geführten Anbieterauswahlverfahren stetig abgenommen.

Es macht mir Sorgen, dass oft selbst die komplexesten Kommunikationsprojekte vergeben werden, ohne dass ein einziges inhaltsbestimmendes Gespräch zwischen Agentur und Auftraggeber geführt wurde. Hauptsache die Vorgaben des Purchasing Departments werden eingehalten. Kann das für die Produktion der angefragten Medien förderlich sein? Da würde ich mir manchmal mehr Selbstbewusstsein der Kommunikationsabteilungen wünschen.

Wie schön, dass es nicht immer so abläuft – das Prinzip Hoffnung gilt bei mir trotz alledem noch lange! Ein Umgang miteinander – im Dialog und im gegenseitigen Verständnis geführt – ist gelegentlich immer noch Teil meiner Erfahrungswelt. Dennoch heißt mein Wunsch: Die „Macht der Nachfrage“ sollte verantwortungsbewusst ausgeübt werden.